Tuesday, May 16, 2006

Das Spiel

Es war schon weit nach Mitternacht, als Frank die kleine Kneipe betrat. Die Luft war abgestanden und roch nach billigem Fusel, Zigaretten und nach etwas, das Frank im Moment noch nicht genau beschreiben konnte. So oder so, es roch, wie es in einer nordamerikanischen Spelunke um diese Uhrzeit riechen sollte. Frank ging an den Tresen und nahm auf einem der Barhocker Platz. Die Barhocker sahen aus, als hätten sie schon wesentlich bessere Zeiten erlebt, die ganze Kneipe machte auf Frank genau diesen Eindruck. Der Barkeeper kam näher und fragte Frank mit rauchiger, harter Stimme, was er trinken wolle. Frank bestellte, in nicht weniger rauhem Tonfall, zwei Gin Tonic und legte die entsprechende Summe bereits auf die Theke. Zwei Minuten später standen die Gin Tonic vor ihm und er leerte eines der Gläser in einem Zug. Das andere nahm er mit zu einem der vier Billardtische und stellte es an den Rand.

Er machte sich daran, die Kugeln aufzubauen. Es dauerte nicht lange, bis ein Kerl um die Vierzig mit rauhen Gesichtszügen, der einen oder anderen Narbe im Gesicht und Muskelpaketen so groß wie Flugzeugträger, an den Tisch kam. Er fragte, ob Frank eine Runde spielen wolle, Einsatz 15 Dollar. Frank wollte spielen und so baute er fertig auf und deutete mit der Spitze seines Queues auf seinen Gegner. "Du fängst an." sagte er knapp und nahm einen Schluck Tonic. Der Kerl sah aus, als hätten diese grobschlächtigen, brutal aussehenden Hände nicht einmal ansatzweise genug Gefühl in sich, um annehmbar Billard spielen zu können, dennoch sah sich Frank schon sehr bald gezwungen, diese etwas vorschnell getroffene Beurteilung zu revidieren. Der Kerl spielte gar nicht schlecht, im Gegenteil, er war sogar ziemlich gut. Bevor Frank endlich einmal an der Reihe war, hatte der grobschlächtige Kerl sage und schreibe 4 Kugeln eingelocht und es würde verdammt schwer werden, ihn noch einzuholen. Frank stieß und erwartungsgemäß - heute konnte es doch gar nicht anders laufen - gingen gleich beim ersten Stoß drei seiner Kugeln ins Loch. "Nicht schlecht." brummelte sein Gegner, doch Frank wußte genau, was in dessen Kopf vorging. So, wie er es heute bei jedem seiner Mitmenschen gewußt hatte.

Es hatte bereits am frühen Morgen angefangen, als er punkt fünf Uhr morgens neben seiner Frau aufgewacht war. Das heißt, er hätte neben seiner Frau aufwachen müssen, doch sie war nicht da gewesen, wo er sie erwartet hatte, neben ihm und in tiefem Schlaf versunken. Stattdessen war neben ihm nur eine unberührte Betthälfte, die ganz und gar nicht so aussah, als hätte heute Nacht jemand darin geschlafen. Eine Stunde später, Frank hatte schon seine dritte Tasse Kaffee und den 14. oder 15. Zeitungsartikel hinter sich, kam Diane zur Hintertür in der Küche herein. Sie bemühte sich, die Tür so leise wie nur irgend möglich zu öffnen, aber natürlich war dies in diesem Moment so sinnvoll, wie einem Pudel das Wellenreiten beibringen zu wollen. Frank war schon wach und allein diese Erkenntnis schien Diane irgendwie völlig aus dem Konzept zu bringen. "Du...du bist ja schon wach, Schatz." sagte sie mit einem nervösen, reichlich unsicheren Unterton in der Stimme. "Ja, schon seit einer Stunde." erwiderte Frank und im Gegensatz zu Diane schien er ganz gelassen, beinahe schon desinteressiert zu sein. "Wo warst du heute Nacht? Ich bin ziemlich einsam aufgewacht vorhin." sagte er und nahm einen weiteren Schluck Kaffee. 'Sie wird mir von ihrer Freundin Betsy erzählen, die ganz dringend Hilfe bei irgendwas brauchte...', dachte er und als hätte er es geahnt, begann Diane davon zu erzählen, wie Betsys Mann sie geschlagen hätte und Betsy Diane angerufen hätte, um sie um Hilfe zu bitten. Frank verzog keine Miene aber tief in seinem Gehirn war es, als ob irgendein Schalter umgelegt worden wäre. Er nahm von diesem Augenblick an alles nur noch wie in einer Art Trance wahr, auch, als er langsam aufstand, um ebenso langsam auf Diane zuzugehen, kam es ihm vor, als betrachte er die Szene von ganz weit weg als Zuschauer. Diane schien noch nervöser und unsicherer zu werden. "Baby, ich weiß, wo du wirklich warst.", sagte Frank und griff zeitgleich zum bereits vor einer Stunde bereitgelegten Schlachtermesser. "Ich weiß alles, weißt du. Ich weiß es, weil du es weißt und seit einiger Zeit kann man vor mir nichts mehr verbergen.", sagte er und dann tippte er sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn. "Da oben wimmelt es nur so von Bildern, weißt du. Mir gefallen diese Bilder nicht, denn viele davon zeigen seit einiger Zeit nur noch dich. Dich und Steven. Und mir gefällt ganz und gar nicht, was du mit Steven machst. Mir gefällt auch nicht, daß du Geschichten über schlagende Ehemänner und dergleichen erzählst, nur weil du nicht genug Mumm in den Knochen hast, mir zu sagen, daß du in Wahrheit schon eine ganze Weile mit Steven ins Bett springst.", sagte Frank. Seine Stimme war vollkommen ruhig und entspannt und sein Gesichtsausdruck hätte der eines völlig normalen, gelösten Mannes sein können, der gerade seiner 11 jährigen Tochter erklärt, wo die Babies herkommen. Vielleicht war es gerade diese Gelassenheit, dieses völlige Fehlen von Zorn und Wut, das Diane solche Angst einjagte. Sie ging einen Schritt zurück, noch einen, doch dann prallte sie erschrocken gegen die Wand. Ihre Augen suchten verzweifelt nach etwas, womit sie sich wehren hätte können, doch natürlich fanden sie nichts. Dafür hatte Frank bereits vor dem Kaffeekochen Sorge getragen. Nichts würde ihn jetzt noch davon abhalten können, zu tun, was er sich schon keine 5 Minuten nach dem Aufwachen vorgenommen hatte. Niemand würde ihre Schreie hören, soviel stand fest. Es schreit sich so schlecht mit durchgeschnittener Kehle, er mußte nur schnell genug sein. Und er war schnell genug. Bevor Diane realisierte, was geschah, hatte er das Schlachtermesser in einer eleganten, geschickten Bewegung und mit viel Kraft von links nach rechts durch ihren Hals gezogen und mit einem Hieb Gurgel, Luftröhre und beide Halsschlagadern durchtrennt. Das Blut schoß in zwei riesigen Fontänen aus ihrem Hals und verwandelte die gemütliche Küche in ein Schlachtfeld, das in dunklem Blutrot gehalten war. "Die brauchst du dann jetzt wohl auch nicht mehr.", sagte Frank immer noch in diesem ruhigen, gelassenen Tonfall, als er ihre Bluse mit einem schnellen, kraftvollen Ruck, aufriß und ihr mit beinahe schon chirurgischer Präzision die Brüste vom Rumpf trennte. Er gestattete sich, nur kurz, keine Minute lang, den traurigen Gedanken daran, wie oft er diese perfekten Rundungen liebkost hatte und wie verrückt er auch bis heute Morgen noch nach Dianes Brüsten gewesen war, bevor er ihr schlußendlich das Messer bis zum Heft in die Brust rammte.

"Wirklich nicht schlecht, mein Freund. Das sind dann inzwischen 75 Dollar. Langsam frage ich mich wirklich, wie du das machst, weißt du?", sagte der grobschlächtige Kerl und Frank legte langsam, beinahe schon bedächtig, den Queue auf den Tisch. Der Kerl log, er fragte sich das schon seit dem zweiten Spiel, in welchem Frank ihn genau einmal zum Zuge kommen hatte lassen. "Glück, schätze ich.", sagte Frank und hob, wie um seine Unschuld zu beteuern, die Schultern. "Nun, ich denke, diese Glückssträhne hat nun ein Ende, Kumpel.", sagte der grobschlächtige Kerl und von einer Sekunde auf die andere war er nicht nur gleich mehrere Schritte auf Frank zugekommen, sondern hatte auf einmal auch ein Klappmesser in der rechten Hand. Mit einem metallischen Klicken und von einer kurzen Spiegelung des Lichts begleitet, ließ er es aufklappen und wedelte damit vor Franks Nase herum. "Das würde ich sein lassen, ehrlich.", sagte Frank völlig gelassen, was der grobschlächtige Kerl mit einem kalten Grinsen quittierte. 'Den mach ich kalt, so kalt gehts gar nicht mehr!' Diese Worte hallten auf einmal in Franks Kopf wider und Frank hob den Kopf, schaute seinen Gegner traurig an und erwiderte: "Das ist ein Irrtum, Tom. Ein schwerer, böser, Irrtum." Noch bevor Tom sich fragen konnte, woher Frank wußte, wie er hieß und was er gedacht hatte, spürte er eine Veränderung an sich. Er blickte langsam an sich hinab und betrachtete ungläubig den Billardqueue, der in seiner Brust zu stecken schien. Minuten später lag Tom tot auf dem Boden der Spelunke und Frank spazierte durch den warmen Sommerregen und pfiff eine Melodie, die wohl nur er kannte....

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